Colour der Gespannfahrer Bayern Thema des Tages


Noch ein Artikel über unseren Stammtisch, diesmal erschienen im Lokalteil für den Landkreis München der Süddeutschen Zeitung als Thema des Tages am Wochenende 05./06. Mai 2001.

Auch hier mussten die Bilder leider aus der Zeitung gescannt werden, was die schlechte Qualität erklärt.
Auf der Titelseite des Lokalteils kam zunächst folgender Hinweis:
THEMA DES TAGES
Im Boot ist Platz für Kinder und Gepäck

In Neuried treffen sich alle zwei Wochen rund 20 Gespannwagen-Fahrer (auf dem Foto: Michael Kosowsky) zum Stammtisch.


Gespannwagen-Fahrer: Die Liebhaber der Motorrad-Oldtimer treffen sich in Neuried

Im Boot ist Platz für Kinder und Gepäck

Meist ist Familienzuwachs der Grund, wenn Biker vom sportlichen Zweirad auf das eher gemütliche Dreirad umsteigen

Von Matthias Bargel

Neuried: Wenn Michael Kosowsky heute mit seiner Maschine ausfliegt, kann er seine drei ältesten Kinder problemlos mitnehmen. Der Münchner ist Besitzer eines Gespannwagens, eines Motorrades also mit angebautem Seitenwagen. Mit 15 bis 20 Gleichgesinnten trifft er sich alle zwei Wochen dienstags im Neurieder Gasthof Lorber. "Zum Stammtisch", wie Kosowsky betont. Denn die Dreirad-Fahrer aus allen Ecken Münchens bilden keinen Verein, haben also weder Satzung noch Mitgliedsbeiträge. "Wer mal keine Zeit oder Lust hat, braucht sich nicht rechtfertigen", sagt Richard Weikert, der neben Kosowsky am Tisch sitzt.
Handwerker wie Akademiker, Angestellte und Selbstständige versammeln sich zum gemütlichen Plausch. "Bei uns ist jeder willkommen, der sich in Gesellschaft wohl fühlt und nebenher über sein Hobby sprechen will", sagt Kosowsky. Das gemeinsame Hobby zieht fahrfreudige Männer, aber auch weibliche Fans zwischen 30 und 70 Jahren nach Neuried. Dabei ist die Gaststätte erst seit 1998 Versammlungsort. Vorher trafen sich die Gespannwagen-Fahrer in Haidhausen.
Als aber Michael Osinsky, selbst leidenschaftlicher Gespannfahrer, seine Kneipe dort aufgab, mussten sich die Dreirad-Fahrer nach einem Ersatzlokal umschauen. Das zu finden, war gar nicht so einfach. Eine gemütliche Kneipe mit guter Küche und einem großen Parkplatz sollte es sein, in der obendrein auch Biker geduldet sind. Denn mit dem Image von Motorrad-Fahrern steht es nicht gerade zum besten.

Rund 20 Fans von Motorrädern mit Beiwagen treffen sich alle vierzehn Tage in Neuried, um beim Essen fachzusimpeln und Erinnerungen auszutauschen (Bild oben von links: Bernd Barschow, Werner Wittmann, Wirt Manfred Trengler, Alexander Stiller und Michael Kosowsky). Natürlich kommen alle mit ihren dreirädrigen Gefährten, die häufig schon einige Jahre auf dem Buckel haben - so wie Kosowskys MZ (links). Kutten mit Aufnähern und Ansteckern gehören bei Gespannwagenfahrern ebenso dazu, wie bei anderen Bikern (Mitte). Fotos:Roeder

Reise nach Rumänien

Weikert erzählt, dass er seit 20 Jahren Solo-Motorrad fährt. Vor zehn Jahren hat er sich dann ein BMW-Motocross-Renngespann zugelegt. Das hat der Münchner Software-Entwickler speziell für Fernreisen umgerüstet. Über die Alpen zum Gardasee und sogar bis nach Rumänien hat es ihn samt Gepäck schon befördert. Mit Ausnahme des russischen Herstellers "Ural" gebe es heute kein Unternehmen mehr, das Gespannwagen serienmäßig herstellt. Auch die wohl berühmteste aller Firmen, Harley Davidson, habe die Produktion vor kurzem eingestellt.
Egal ob das BMW-Oldtimer-Gespann aus den 30er Jahren von Werner Wittman oder Kosowskys MZ TS 250, Baujahr 1974: "Jedes für sich ist im Grunde ein Original", findet Sigi Udiljak. 165 000 Kilometer hat seine 27 Jahre alte Moto Guzzi mittlerweile auf dem Buckel. "Die fährt noch einwandfrei", sagt er stolz. 28 Jahre lang hat Udiljak Erfahrung als aktiver Fahrer gesammelt. Trotzdem zieht er bei Umrüstungen stets einen TÜV-Ingenieur zu Rate. Viele Umbauten müssen nämlich genehmigt werden.
Sei es die Elektronik, Fahrgestell oder Bereifung. Eigenen Wünschen sind kaum Grenzen gesetzt. "Jeder richtet das Gefährt nach seinen Bedürfnissen her", sagt Weikert. Entsprechend dem Zweck, den er erfüllen soll, wird der Seitenwagen zum Lasten- oder Personentransporter ausgebaut.
Kosowsky hat das Boot, so heißt der Seitenwagen-Aufsatz im Fachjargon, vor vier Jahren zum zweisitzigen Kinderwagen umgerüstet. Helmgeschützt nehmen drei seiner Sprösslinge, zwei im Seitenwagen, einer auf dem Rücksitz hinterm Papa, Platz. Dann geht´s los, auf einen Erlebnistrip. "Für Kinder ist es jedesmal eine Mords-Gaudi", sagt Kosowsky. Und sicher weniger gefährlich als auf einem Solo-Motorrad.
Eigene Homepage
Stammtischrunde stellt sich im Internet vor

Die Neurieder Stammtischrunde, die sich "Gespannfahrer Bayern" nennt, ist auch im Internet vertreten. Unter der Adresse "www.gespannfahrer-bayern.de" können eine ganze Reihe von Informationen abgerufen werden: So ist auf der Homepage alles wichtige über den Neurieder Stammtisch zu erfahren, wie Ansprechpartner, Termine und Adresse vom Gasthof Lorber samt Wegbeschreibung.
Adressen von Clubs und Organisationen sind dort ebenso zu finden wie Buchtipps und Werkstatt-Hinweise oder Veranstaltungsankündigungen. Eine Bereicherung auf der optisch ansprechend gestalteten Web-Seite ist die Fotogalerie. Dort gibt´s zahlreiche Dreirad-Originale zu sehen.


Auch im Winter einsatzfähig

Ein wesentlicher Unterschied liegt im Kurvenverhalten: Während Zweiräder samt Fahrer in die Kipplage gehen, bleibt das Gespann "mit allen drei Beinen" am Boden. Allerdings würden die Reifen dadurch stärker belastet, erklärt Kosowsky. Anders als bei Zweirädern, müssen die Reifen im Querschnitt nicht rund sein, Kosowsky etwa hat hinten einen Smart-Vorderreifen montiert. Der haftet durch seine größere Fläche besser am Boden.
Mit dem "Seitenwagen als Stützrad" ist ein Gespann auch im Winter einsetzbar. Gleich dem Auto, gilt ein Motorrad-Gespann als zweispuriges Fahrzeug. Trotzdem weiß Kosowsky: "Auto, Motorrad und Gespann sind dreierlei. Allein was Fahrgefühl und Einstellung angeht." Ein Gespann sei etwas grundsätzlich anderes, als ein Solo-Motorrad. Meistens sind Transportprobleme oder Familienzuwachs Gründe für einen Umstieg. Wer sich selbst mit dem Gedanken trägt, erhält am Neurieder Stammtisch wertvolle Orientierungshilfe.
Aber nicht nur Fachgespräche werden hier geführt. Man redet auch über den vergangenen Urlaub oder berichtet von seinen Erlebnissen, zum Beispiel beim letzten Biker-Treffen. Voller Erinnerungen steckt Kosowskys Jacke. Unzählige Aufnäher und Sticker zeugen von den Zusammenkünften, zu denen sich manchmal tausende Dreirad-Gespanne aus ganz Europa auf den Weg machen. Vom MZ-Treffen 1978 in Laufen am Neckar datiert eine der älteren Nadeln. Bis 1990 hat Kosowsky alle Jahre daran teilgenommen. "Man lernt immer wieder neue Leute kennen", schätzt er an den Treffen.

Gaudi-Wettkämpfe

Beim Zelten auf Wiesen oder Campingplätzen haben die Motorradfans eine Menge Spaß. "Je nach Veranstalter werden manchmal Gaudi-Wettkämpfe wie Steineheben oder Bierkastentragen ausgerichtet." Alles zusammen ergibt eine nette Atmosphäre, ein ganz bestimmtes Lebensgefühl. Das gefällt auch Bernd Barschow. Beim letztjährigen Euro-Gespanntreffen im Rothaargebirge war er mit dabei.
Demnächst lädt der TÜV-Bayern alle Gespannwagen-Fahrer zum 2. Biker-Fest ein. Speziell für Kinder ist dort was geboten: Im Beiwagen geht´s quer durch München zum Essen in ein Hamburger-Restaurant. Ob seine Kinder dabei sein werden? Kosowsky: "Aber sicher: Die freuen sich schon drauf."